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Tier- und Artenschutzprobleme in der Aquaristik
von Sandra Altherr (aus:tierrechte 4/02, Menschen für Tierrechte-Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.)

Nahezu alle Salzwasser-Zierfische, aber auch ein Teil der Importe von Süßwasser-Zierfischen aus Südamerika sowie Afrika, sind Wildentnahmen. Da keine Zierfischart durch internationale Gesetze, wie z. B. das Washingtoner Artenschutzübereinkommen, geschützt ist, verläuft der Handel mit ihnen völlig unkontrolliert. Außer durch die Zerstörung ihres Lebensraums sind zahlreiche Arten durch diesen Handel bedroht. Die Aquaristik verursacht somit erhebliche Tier- und Artenschutzprobleme.

Aus den Tropen frisch ins Aquarium
Deutschland importiert jährlich 70 bis 100 Tonnen Salzwasser-Zierfische, fast alles Wildfänge. Besonders begehrt sind leuchtend bunte Arten, wie die in Korallenriffen lebenden Kaiser- und Falterfische. Im Rahmen der Harmonisierung des Artenschutzes in der EU wurde 1997 ein acht Jahre zuvor verhängtes Importverbot aufgehoben. Der Markt reagierte sofort: Kaiser- und Falterfische wurden überall angeboten, der Handel durch neue Bücher mit Tipps zur Pflege zusätzlich angeheizt. Zahlreiche Korallenfischbestände sind inzwischen existenziell bedroht, doch die Wildentnahmen gehen ungebremst weiter. Auch der Banggai-Kardinalfisch ist in Gefahr. Diese seltene Art kommt nur vor zwei kleinen Inseln in Indonesien vor, sie ist damit extrem anfällig für eine Überfischung. Trotzdem ist sie seit 1996 im internationalen Handel begehrt.

Gefahr fürs Ökosystem
Die Plünderung der Korallenfischbestände bedroht nicht nur die jeweilige Art selbst, sondern oft das ganze Ökosystem: So wird z. B. in Südostasien hochgiftiges Natriumzyanid zum Fang von Zierfischen verwendet. Die dadurch betäubten Fische können einfach und effektiv eingesammelt werden. Bis zu 90 Prozent der Zierfische aus Indonesien sollen mit Zyanid gefangen sein, obwohl die Methode illegal ist. Auch auf den Philippinen ist der Einsatz des Giftes immer noch üblich. Doch mittels Zyanid gefangene Fische sind Todeskandidaten: Sie leiden an Leberschäden, Atemproblemen und Schwimmbalancestörungen. Nur schätzungsweise zehn Prozent der so gefangenen Tiere überleben die erste Zeit im Aquarium. Neben den Fischen selbst sind auch alle anderen Riffbewohner, wie Korallen, Schwämme, Anemonen oder Seeigel, von der Giftwirkung betroffen. Je nach Giftmenge werden großflächige Bereiche der Riffe massiv geschädigt oder sogar getötet.

Bedrohung durch Überfischung
Doch auch viele Süßwasser-Zierfische im Handel stammen noch aus freier Wildbahn, wie z. B. die in Mode gekommenen Buntbarsche. Mehr als 600 Arten leben im riesigen Malawisee im Südosten Afrikas. Fast alle kommen nur in diesem Gewässer und dort teils nur in winzigen Verbreitungsgebieten vor. Die Bestände werden somit leicht überfischt. Manche im Handel besonders beliebten Arten, wie z. B. der farbenprächtige Kaiserbuntbarsch, sind inzwischen extrem selten geworden. Bis zu 60 Prozent der gefangenen Fische sterben bereits vor dem Export: Fangnetze verursachen Quetschungen, Schnitt- und Kiemenverletzungen. Massive Organschäden entstehen auch durch zu schnelles Emporziehen an die Wasseroberfläche. Weitere Tiere sterben durch schlechte Lagerungsbedingungen beim Exporteur und während des Versands. Artenschützer haben deshalb bereits Alarm geschlagen.

Importierte Zierfische sind häufig vollgepumpt mit Medikamenten wie Antibiotika oder Beruhigungsmitteln. Zuchtfische aus Hongkong werden z. T. mit Hormonen behandelt, um Riesenwuchs und besondere Farbintensität zu erreichen. All dies führt zu einer erhöhten Sterblichkeitsrate der Tiere beim späteren Besitzer.
Ohnehin findet in den drei Millionen deutschen Aquarien ein stilles Massensterben statt. Zwar sind die Verluste bei importierten Tieren besonders hoch, doch auch nachgezüchtete Fische leben oft nur kurz. Der jährlich im Durchschnitt viermal vorgenommene Austausch der Flossenträger liegt beileibe nicht an ihrer geringen Lebenserwartung: 80 Prozent aller Todesfälle im Aquarium werden durch Haltungsfehler verursacht. Hierzu gehören neben mangelhafter Wasserqualität (Karbonat-, Nitrat- und pH-Werte, Sauerstoffgehalt) auch Überbesatz, falsche Vergesellschaftung oder falsche Ernährung sowie fehlende Quarantäne neu erworbener Tiere. Und solche Fehler haben in der Regel nicht nur fatale Folgen für ein einzelnes Tier, sondern für den gesamten Aquarienbesatz. "Learning by doing" scheint die Devise vieler Zierfischhalter zu sein.
Generell sind die Verluste bei Zierfischen deutlich höher als im übrigen Lebendtierhandel. Dabei spielt auch der geringe Warenwert pro Individuum eine Rolle. Zudem gibt es seitens des Gesetzgebers keine verbindlichen Regelungen für Handel und Haltung. Und so boomt das Geschäft weiter, denn wer erst einmal in ein teures Aquarium mit umfangreichem Zubehör investiert hat, ersetzt Verluste einfach durch den Kauf neuer Zierfische...
Eine Reglementierung des Handels mit Zierfischen ist längst überfällig. Hierzu gehören z. B. der Ausschluss von Wildfängen, aber auch unbedingt bundesweit einheitliche verbindliche Sachkundeprüfungen für alle Halter von exotischen Tieren.