Ein Blick auf die Mensch-Tier Ethik
Eine Diskussion zur Mensch-Tier-Ethik findet schon seit
Jahrhunderten statt. In der philosophischen Auseinandersetzung
wie auch im Bewusstsein der Gesellschaft bestand und
besteht kein Konsens über die Wertigkeit von Tieren.
Einige Positionen der philosophischen Überlegungen
möchte ich hier in Ausschnitten kurz wiedergeben,
da sie die Diskussion der Mensch-Tier Beziehung bis
zum heutigen Tage beeinflussen.
Der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v.Chr.)
schreibt zur gesellschaftlichen Stellung der Frau, der
Sklaven und der Tiere:
"...Die Seele führt
über den Leib ein despotisches, und der Verstand
über das Strebevermögen ein politisches und
königliches Regiment, wobei es amtage liegt, daß
es für den Leib naturgemäß und nützlich
ist, von der Seele, und ebenso für das Subjekt
der Gefühle, vom Verstande und dem vernunftbegabten
Teile beherrscht zu werden, wohingegen eine Gleichstellung
oder umgekehrte Stellung allen Seelenteilen schädlich
wäre.
Ebenso ist es wieder mit den Beziehungen zwischen dem
Menschen und den anderen Sinnenwesen. Die zahmen sind
von Natur besser als die wilden, und für sie alle
ist es am besten, wenn sie vom Menschen beherrscht werden,
weil sie so bewahrt und erhalten bleiben.
Endlich verhält sich Männliches und Weibliches
von Natur so zueinander, daß das eine das Bessere,
das andere das Schlechtere und das eine das Herrschende
und das andere das Dienende ist.
Ganz ebenso muß es nun mit dem gegenwärtigen
Verhältnis der Menschen überhaupt bestellt
sein. Die so weit voneinander abstehen, wie die Seele
vom Leibe und der Mensch vom Tiere - und das ist bei
allen denen der Fall, deren Aufgabe im Gebrauch ihrer
Leibeskräfte besteht und bei denen das die höchste
Leistung ist - ,die also Sklaven von Natur, und es ist
ihnen besser, sich in dieser Art von Dienstbarkeit zu
befinden, ganz wie bei den erwähnten Dingen.
Denn der ist von Natur aus Sklave, der eines anderen
sein kann - weshalb er auch eines anderen ist - und
der an der Vernunft nur insoweit teil hat, daß
er sie in anderen vernimmt, sie aber nicht selbst hat.
Die anderen Sinnenwesen vernehmen nämlich ihre
Stimme nicht, sondern lassen sich ausschließlich
durch Gefühlseindrücke und sinnliche Empfindungen
regieren und leiten. Aber die Dienste, die man von beiden
erfährt, sind nur wenig verschieden: beide, Sklaven
und Haustiere, verhelfen uns zur Befriedigung der leiblichen
Bedürfnisse...."
Rund dreihundert Jahre später wendet sich der
römische Dichter Ovid (43 v.Chr.- 18 n.Chr.) in
seinem Werk Metamorphosen gegen das Verzehren von Fleisch:
"...Was habt ihr Schafe getan?
Ihr friedlich Vieh, zu des Menschen Schutze geboren,
die Nectar ihr tragt im schwellenden Euter, die, uns
weich zu umhüllen, ihr eure Wolle uns schenkt und
mehr mit eurem Leben als eurem Tode Gewinn schafft?..."
Der römische Philosoph Seneca (ca. 4 v.Chr.-
65 n.Chr.) gesteht den Tieren ein Bewusstsein aufgrund
des Wissens über die eigene Körperlichkeit
zu:
"...Auch wir wissen, daß
wir eine Seele haben: was die Seele ist, wo sie sich
befindet, wie sie beschaffen ist und woher sie stammt,
wissen wir nicht. Wie wir in uns eine Empfindung unserer
Seele haben, obwohl wir ihr Wesen nicht kennen und ihren
Sitz, so besteht bei allen Tieren eine Empfindung ihrer
körperlichen Verfassung....Es fühlt, aus Fleisch
zu bestehen; daher empfindet es, was da Fleisch schneiden,
brennen, vernichten kann..."
Während der französische Mathematiker
und Philosoph René Descartes (1596-1650) das
Tier mit einem Automaten gleichsetzt und ihm jeglichen
Verstand abspricht, entsteht andererseits die Einstellung
zu einer artübergreifenden Humanität, welche
auch durch den französischen Politiker und Philosophen
Michael de Montaigne (1533-1592) vertreten wurde:
"Der Hochmuth ist ein uns
natürlicher und angeborener Fehler. Der Mensch
ist das elendeste und gebrechlichste unter allen Geschöpfen:
und dennoch ist er das hoffärtigste....Durch eben
diese eitle Einbildung macht er sich Gott gleich, leget
sich göttliche Eigenschaften bey, sondert sich
selbst von dem Haufen der anderen Geschöpfe ab,
schneidet den Thieren, seinen Mitbrüdern und Gesellen
ihren Theil zu, und giebt ihnen so viel Vermögen
und Kräfte, als ihm gutdünckt.
Wie, erkennet er denn durch die Stärke seines Verstandes
die innerlichen und verborgenen Regungen der Thiere?
Aus was für einer Vergleichung zwischen uns und
ihnen folgert er dann die Dummheit, die er ihnen beyleget?
Wer weiß, wenn ich mit meiner Katze spiele, ob
sie sich die Zeit nicht mehr mit mir vertreibt, als
ich mir dieselbe mit ihr vertreibe?...
Warum liegt der Fehler, welcher den Umgang zwischen
uns und ihnen hindert, nicht eben so wohl an uns, als
an ihnen? Es ist noch nicht ausgemacht, an wem der Fehler
lieget, daß wir einander nicht verstehen: denn
wir verstehen sie eben so wenig, als sie uns verstehen.
Sie können uns aus eben dem Grunde für unvernünftig
halten, aus welchem wir sie dafür halten.... Ich
habe vormals unter uns Leute gesehen, welche zur See
aus fernen Ländern kamen. Wir verstunden ihre Sprache
gar nicht; ihre Sitten und Kleidung waren übrigens
von der unsrigen sehr unterschieden: und wer unter uns
hielt sie nicht für wild und ungeschliffen? Wer
legte es ihnen nicht als Unverstand und Dummheit aus,
wenn er sahe, daß sie stumm waren, die französische
Sprache nicht verstanden... Wir verwerfen alles, was
fremd fürkommet, und was wir nicht verstehen. Eben
so gehet es uns auch, wenn wir von den Thieren urtheilen...
Gewiß, wenn ich mir den Menschen und selbst dasjenige
Geschlecht, welches den größten Antheil an
der Schönheit zu haben scheinet, ganz nacket, seine
Mängel, seine natürliche Ohnmacht, und seine
Unvollkommenheit, vorstelle: so dünkt mich, wir
haben mehr Ursache gehabt uns zu bedecken, als sonst
irgendein Thier. Wir sind zu entschuldigen gewesen,
daß wir denenjenigen Thieren, welchen die Natur
in diesem Stücke günstiger als uns gewesen
ist, unsere Bedeckung abgeborget, uns mit ihrer Schönheit
geschmücket, und uns unter ihrer Wolle, ihren Federn,
Haaren und Borsten verstecket haben...."
Das dauernde Wechselspiel zwischen Abgrenzung und
Annäherung des Menschen zum Tier liegt vielleicht
auch in unserer eigenen Unsicherheit über das "menschliche
Sein" begründet. Das Tier wurde vom Menschen
in seiner Definition überwiegend als Gegenbild
zur Wesensbestimmung des Menschen benutzt.
Gegenwärtig gibt es keine berechtigten Zweifel
mehr an einem vorhandenen Bewusstsein bei Tieren. Durch
vergleichende Verhaltensforschung und die Dechiffrierung
genetischer Codes treten zunehmend mehr Gemeinsamkeiten
als Unterschiede zwischen Mensch und Tier auf.
Aufgrund dieser neuen Erkenntnisse werden zwar Gesetze
zum Schutz der Tiere neu überdacht, aber die moralische
Verantwortbarkeit bezieht sich dabei, wenn überhaupt,
letztlich wieder auf die wesensbestimmende Ähnlichkeit
mit dem Menschen. Meiner Meinung nach kann man den Anspruch
eines Lebewesens auf Respekt nicht abhängig machen
von seiner vorhandenen oder nicht vorhandenen Gleichheit
mit dem Menschen.
Ähnlichkeiten im Aussehen, Analogien im Verhalten
und genetische Verwandtschaften zwischen Menschen und
Tieren begründen keine Gleichheit. Doch ich meine,
unter ethischen Aspekten ist es nicht wichtig, das Tier
als gleichartiges Wesen, sondern als gleichwertiges
Wesen anzusehen.
Die Erkenntnis über unsere nahe Verwandtschaft
mit den Tieren hat unser Verhalten ihnen gegenüber
nicht wesentlich verändert. Der Herrschaftsanspruch
des Menschen über die Tiere gestaltete sich selten
so schizophren wie in der heutigen Zeit.
Auf der einen Seite stehen u.a. quälerische Massentierhaltung,
Massentötungen zur ökonomischen Stabilisierung
und Tiertötungen zur vermeintlichen Verschönerung
unseres Aussehens, auf der anderen Seite finden wir
eine Tierliebe, die "den besten Freund des Menschen"
auf eine Art und Weise vermenschlicht, die weit über
tatsächlich gegebene Artverwandtschaft hinausgeht.